Der Vergangenheit auf der Spur

Einen Artnachweis zu erbringen bedeutete früher (und auch durchaus heute noch), Beleg-Exemplare zu sammeln. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass man auch später Vergleiche anstellen, oder bestimmte Merkmale im Nachhinein untersuchen kann. Zu diesem Zweck präparierte Tiere werden in der Regel durch ein Museum aufbewahrt.

Da ich mich mit meiner Suche nach Sri Lankas Bulldoggfledermäusen auf den Spuren einer früheren Forschungsreise befinde, auf der die beiden Arten an insgesamt vier Stellen nachgewiesen wurden, gibt es auch entsprechende Belege für die Funde aus den 30er Jahren. Ich selber werde zwar für meine Arbeit keine Tiere als Belege sammeln, aber da aus der Vergangenheit nun schon mal Präparate vorhanden sind, ist es sinnvoll diese Chance zu nutzen, um ein genaueres Bild davon zu bekommen, wen man denn da überhaupt sucht 🙂

Vor meinem letzten field-trip hatte ich das leider nicht mehr geschafft, weil man natürlich auch hier wieder eine Genehmigung benötigt, um im Museum hinter den Kulissen Tiere anschauen zu dürfen. Letzte Woche aber hat es dann doch geklappt und ich durfte die Sammlung besuchen. Klickt auf ‚Weiterlesen‘ wenn ihr wissen wollt, was mich dabei erwartete.

Das Museum ist in einem sehr schönen alten Gebäude im Kolonialstil untergebracht. Den Seitenflügel, in dem sich die Säugetiersammlung befindet seht ihr oben auf dem Titelbild. Dort angekommen wurde ich in den ersten Stock dieses Flügels geführt, wo in einem einzigen großen Raum fast alle Säugetierpräparate aufbewahrt werden. Dieser Raum ist vollgestopft mit Schränken und Regalen und eine ganze Herde Elefantenschädel nimmt einen großen Bereich auf dem Boden ein. Ringherum an den Wänden stehen aufwändiger präparierte Tiere, zum Beispiel ausgestopfte Leoparden, oder  das Skelett eines Baby-Elefanten.

Nun interessierte ich mich aber ja vorwiegend für meine beiden Fledermausarten. Laut Sammlungskatalog, sollte es von der einen Art, Chaerephon plicata, sechs und von der anderen, Tadarida aegyptiaca, zwei Exemplare geben.

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Die zwei riesigen Bücher sind der Sammlungskatalog. Links und rechts die Schubladen und dazwischen sortiere ich gerade einen Teil der Sammlung.

Als anschließend zwei Mitarbeiter die Schubladen aus dem Schrank zogen, die es zu durchsuchen galt, wurde mir klar, warum wir hier mit sechs Mann standen. Die Fledermaussammlung im National Museum of Colombo besteht zum größten Teil aus Trockenpräparaten, also ausgestopften Tieren. Davon gibt es drei Schubladen, wovon nur eine den Luxus bietet, dass die Tiere in einzelnen Plastiktütchen verpackt sind. In der anderen Schublade liegen etwa 200 ausgestopfte Fledermäuse einfach so in drei Fächern.

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Wirres Durcheinander. Jedes Präparat hat zwar ein Etikett, aber dadurch verheddern sie sich nur noch mehr.

Eine der gesuchten Fledermäuse tauchte recht schnell auf. Es war eine Chaerephon plicata. Zum ersten Mal konnte ich dadurch eine der beiden Arten, die ich suche von Nahem betrachten. Tatsächlich haben wir sie aber nicht anhand ihres Schildchens gefunden, sondern anhand ihres charakteristischen Aussehens – beim Durchsuchen der Schublade auf dem Bild oben ist mir plötzlich eine Fledermaus aufgefallen, bei der man einen Schwanz sehen konnte. Normalerweise ist der Schwanz bei Fledermäusen von einer Schwanzflughaut eingeschlossen und sieht deswegen nicht aus wie ein normaler Schwanz. Das besondere aber an Bulldoggfledermäusen ist, dass ihr Schwanz weit aus dieser Schwanzflughaut hinausragt und deswegen tatsächlich ein bisschen wie ein Mäuseschwanz aussieht.

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Die erste Bulldoggfledermaus auf meiner Reise. Leicht zu erkennen: der lange Mäuseschwanz.

Jede Fledermaus in der Sammlung hat einen kleinen Zettel am Fuß hängen. Meistens sind es sogar zwei. Auf diesen Schildchen steht die Nummer, in diesem Fall 167 B, und verschiedene Maßangaben, das Geschlecht, der Fundort und auch der Finder. Bei den meisten Tieren ist außerdem der Schädel noch dabei, da dieser beim ausstopfen entfernt wird. Für eine nacträgliche Bestimmung, oder Beschreibung aber kann der Schädel sehr wichtig sein. Ich habe mich natürlich sehr gefreut und habe sofort angefangen Maße zu nehmen. Diese Aufzeichnungen werden vielleicht später von Bedeutung sein, wenn ich eine Fledermaus fangen sollte, bei der ich nicht hundertprozentig sicher bin, ob es sich um diese Art handelt.

An den trockenen Präparaten kann man das Aussehen des Kopfes leider nur noch erahnen. Insgesamt wirkt das Gesicht von Bulldoggfledermäusen ziemlich wuchtig. Die Ohren sind typischerweise sehr dick und meistens leicht nach vorne gerichtet. Die Nase ist relativ breit und an den Lippen haben viele Bulldoggfledermäuse charakteristische Fältchen, die ihnen auch zu ihrem Englischen Namen ‚wrinkle-lipped bat‘ verholfen haben.

Das eine der beiden Arten übrigens den lateinischen Namen Chaerephon plicatus hat, kommt auch nicht von ungefähr. Chaerephon war ein Grieche aus der Antike, der wohl gut mit Sokrates befreundet war In einer antiken Schrift wird er auch ‚die Fledermaus‘ genannt, was wahrscheinlich eine Anspielung auf seine Nachtaktivität, sein knochiges Äußeres, aber auch sein leicht reizbares Naturell sein soll (so steht es auf jeden Fall bei Wikipedia 😉 ). Warum aber jetzt gerade diese Fledermaus diesen Namen bekommen hat verstehe ich nicht so ganz, denn knochig sind Bulldoggfledermäuse eher nicht.

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Die Länge der Unterarm- und Fingerknochen können für eine Bestimmung hilfreich sein.

Nachdem ich diese eine Fledermaus ausgiebig untersucht, fotografiert und vermessen hatte, wollte ich nicht einsehen, dass die anderen Exemplare tatsächlich alle nicht auffindbar sein sollten. Immerhin wäre es super auch noch die Maße der zweiten Art, Tadarida aegyptiaca, bekommen zu können.

… Und es gab ja immerhin auch noch eine dritte Fledermausschublade!

Die, so wurde mir erklärt, sei eigentlich nur für Flughunde, aber nachschauen wollte ich trotzdem mal. Unter der ersten Lage Flughunde fanden sich schließlich dann tatsächlich Nummer 2 bis 5 der bereits gefundenen Art und auch ein einzelnes Tier der noch vermissten.

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Bis auf zwei Exemplare, waren letztendlich alle Bulldoggfledermäuse beisammen. Oben, etwas größer als die anderen Tiere, die einzelne Tadarida aegyptiaca und unten Chaerephon plicata.

Wenn man sich vor Augen führt, dass es durchaus nicht unüblich ist, dass eine Fledermaus zwanzig Jahre alt wird, könnte es gut sein, dass diese Tiere von 1931-37 um die 100 Jahre alt sind.

Der Tag war ein Erfolg, denn ich habe wertvolle Daten über meine beiden gesuchten Arten sammeln können. Noch dazu ist etwas sehr interessantes passiert. Ein Mitarbeiter des Museums war damals mit auf der Expedition, die eine der Fledermäuse am Tempel in Pahiyangala gefangen hat. Er hat mir erzählt, wo sie damals das Netz aufgestellt haben. Wenn ich gegen Ende meines Aufenthalts also noch einmal dorthin fahre, werde ich versuchen auch dort nochmal ein Netz aufzustellen.

Erst einmal ist aber für morgen die Fahrt in die Berge geplant. Von dort werde ich dann im Laufe der Woche berichten.

Viele Grüße aus Sri Lanka,
Tim

2 Gedanken zu „Der Vergangenheit auf der Spur

  • Juni 5, 2015 um 2:14 pm
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    Das klingt hochinteressant! Ich beneide Sie sehr! Wie genau werden die ausgestopften Exemplare gegen Schimmel oder Insektenfraß geschützt? Mit Arsenik oder mit Lavendelöl? Es ist phantastisch, dass die sich so lange gehalten haben!

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    • Juni 5, 2015 um 4:36 pm
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      Hallo Kathrin,
      vielen Dank! Das stimmt, der Großteil der Sammlung ist in der Tat ziemlich gut erhalten, wenn man das Alter bedenkt. Ich bin leider kein Experte auf dem Gebiet und kann ad hoc nicht sagen, womit die Tiere konserviert wurden (es sei denn ich hätte das Lavendelöl riechen können, denn danach hat es definitiv nicht gerochen). Aber ich werde nächste Woche wieder in colombo sein und wollte dann auch sowieso noch einmal ins Museum. Ich weiß auch wer für die Präparationen zuständig ist und werde dann gerne noch mal nachfragen! Tatsächlich ist das sehr interessant, dass Sie fragen, weil mich nämlich die zuständige Präparatorin gefragt hat, was man in Deutschland zur Konservierung benutzt. Sie ist immer auf der Suche nach guten Tipps und würde sich bestimmt freuen, wenn sie ein paar Erfahrungen auf dem Gebiet weitergeben könnten. Natürlich auch gerne per Mail, wenn ihnen das lieber ist: info@nachtgeflatter.de
      Ich melde mich auf jeden Fall sobald ich etwas in Erfahrung bringen konnte!
      Viele Grüße,
      Tim

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