Falsche Vampire

Die es allerdings trotzdem in sich haben!

Die letzte Woche war ich mit Studenten der Uni Colombo auf einer Exkursion in den Osten der Insel. Das Gebiet dort heißt Thoppigala und ist in ganz Sri Lanka bekannt, weil es im Bürgerkrieg eine wichtige strategische Rolle gespielt hat. Deswegen ist es auch heute noch ein Militärstützpunkt und nur wenige Besucher finden den Weg in diese relativ verlassene Gegend. Markant ist der Felsen von Thoppigala, der weit und breit die einzige größere Erhebung darstellt.

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Für mich war aber noch eine ganz andere Sache bemerkenswert. Und zwar kam nämlich an einem Nachmittag der General der dort stationierten Truppe und erzählte, dass sie einen Bunker hätten, in dem es Fledermäuse gibt. Sie würden uns hinfahren, wenn wir uns beeilen, weil es nicht mehr lange bis Sonnenuntergang war und die Gegend von Elefanten nur so wimmelt. Die können nachts nicht ungefährlich sein, wenn man sie unabsichtlich erschreckt.

Keine fünf Minuten später also war der Army-Jeep mit acht Studenten plus Professor auf der Ladefläche bestückt und polterte los zum ungefähr 14km vom Camp entfernten Bunker. Leider darf ich von der Umgebung des Bunkers keine Fotos hochladen, weil das Gebiet ja  immer noch militärisch genutzt wird. Aber im Bunker durften wir arbeiten, denn der ist eh verlassen, und was uns da erwartete hat für mich auf jeden Fall die Exkursion mehr als gerechtfertigt! Lest selbst mit klick auf „Weiterlesen“!

Vom Ende des Weges mussten wir noch ein kleines Stück durch etwa brusthohe Büsche und Sträucher wandern. Inzwischen hatte es angefangen leicht zu regnen und auch das Tageslicht fing schon an zu schwinden. Da die Gegend generell sehr flach ist, sind die Bunker hier oft in, oder zumindest an, Felsen gebaut, sodass sie zumindest von einer Seite gut geschützt sind. So auch unser Bunker. An der Oberfläche sichtbar war nur ein kurzer Gang und ein kleiner Vorbau, der Rest liegt unterirdisch unter einem Felsen. Die Soldaten baten uns ruhig zu sein, um die Fledermäuse nicht zu schnell aufzuscheuchen.

Ich befand mich direkt hinter dem ersten Soldaten, als wir den Bunker erreichten und bereits in dem kurzen Gang, der zu seinem Eingang führte hingen zwei Fledermäuse mit riesigen Ohren von der Decke. An dieser Stelle hingen sie fast im Tageslicht, was ihnen anscheinend in dem Moment auch auffiel, denn ich hatte nicht einmal genug Zeit einen zweiten Blick auf sie zu werfen. Ihre Ohren zuckten kurz in unsere Richtung und einen Augenblick später waren sie fliegend tiefer in den Bunker verschwunden.

Wir folgten, nachdem ich meine Horchbox eingeschaltet hatte, um auch ja keine Ultraschalllaute zu verpassen, und fanden eine kleinere Gruppe derselben Art in einem Raum des Vorbaus. Ziemlich schnell war klar, um was für Fledermäuse es sich hier handelte, denn ihr Aussehen ist sehr prägnant. Es waren Megadermatiden (auf deutsch: „Großblattnasen“) die uns genauso aufmerksam beobachteten, wie wir sie. Später stellte sich heraus, dass es die Art Megaderma lyra war, der „Falsche Vampir“.

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Aufmerksam wurde unsere Ankunft beobachtet.

Diese Fledermäuse können, wie es sich in der Vorstellung vieler Menschen für eine Fledermaus auch gehört, frei von der Decke hängen. Um dann zu starten, müssen sie sich nur fallen lassen, ihre Flügel aufspannen und die Schwerkraft erledigt den Rest. Das taten auch die meisten der ca 30 Tiere im Vorraum und verschwanden mit wenigen Flügelschlägen entweder durch ein Fenster nach draußen und in engere Felsspalten oberhalb des Gebäudes, oder durch einen Gang, der tiefer ins Innere des Bunkers führte. Besuch bekommen sie anscheinend nicht oft.

Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn Megaderma lyra ist nicht nur für Insekten, sondern auch für Geckos, Frösche, kleine Vögel und sogar Säugetiere, kein besonders angenehmer Mitbewohner. Alle diese Tiere stehen regelmäßig auf ihrem Speiseplan. Normalerweise fängt sie die natürlich nicht in Höhlen, sondern fliegt nachts in entsprechende Jagdgebiete, aber wer hat schon etwas gegen „Frühstück im Bett“ einzuwenden? Dabei ist diese Fledermausart die einzige, von der beobachtet wurde, dass sie sogar eigene Artgenossen, bzw. den Nachwuchs anderer Artgenossen frisst. Deswegen tun viele Megaderma lyra-Weibchen auch gut daran ihren Nachwuchs nachts mit auf die Jagd zu nehmen.

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Fraßreste unter einem Megaderma lyra Hangplatz. Dieses Foto ist allerdings nicht von mir, sondern von Martin Straube in Malaysia aufgenommen worden.

Sie fliegen mit den Jungen am Bauch hängend in ihr Jagdgebiet, wo sie sogenannte Nachthangplätze nutzen. Das können Hütten, Dachüberstände, Höhlungen, oder auch dichte Vegetation sein, die sie einerseits nutzen um dort nachts zu pausieren, andererseits aber auch um ihre Jungen dort zu ‚parken‘ während Mama für Futter sorgt. Verwöhnt könnte man meinen. Und der Eindruck verstärkt sich noch, wenn man die Größe der Jungtiere betrachtet, die dafür durch die Gegend chauffiert werden. Zum Teil sind die nämlich schon fast so groß wie die Mutter selber.

Der Nachwuchs hängt dabei ‚falsch herum‘ am Bauch der Mutter, also mit dem Kopf nach oben. Für die kleinen ist es so einfacher ihren Blut-Kreislauf aufrecht zu erhalten. Die Erwachsenen haben damit kein Problem. Generell haben Fledermäuse ein großes Herz, das dafür sorgt, dass in jeder erdenklichen Position genug Blut und damit Sauerstoff an alle Stellen im Körper transportiert wird. Außerdem ist Fliegen Extremsport. Dementsprechend haben Fledermäuse auch ein Sportlerherz.

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Ein Weibchen mit Jungtier am Bauch. Leider stieß meine Kamera bei den Lichtbedingungen im Bunker an ihre Grenzen und das Bild ist nicht hundertprozentig scharf.

Der Transport solch großer Jungtiere ist für die Mütter aber nicht nur wegen ihres großen Herzens ein Kinderspiel (haha), denn bei der Jagd vollbringt sie solche Lastenflüge regelmäßig. Eine Maus zum Beispiel wird meistens nicht im Flug, sondern von einer Ansitzwarte aus erspäht, oder besser erhorcht. Die lautlosen Jäger stürzen sich dann auf ihre Beute herab, packen sie und tragen sie zu einem Fraßplatz, der auch gut der Hangplatz des Jungtiers sein kann. Dort wird dann gespeist. Für solche Kraftakte hat diese Fledermausart starke, eher kurze und breite Flügel, deren Spitzen abgerundet sind.

Doch zurück zu unserer Kolonie, denn der Vorraum war inzwischen leer und wir mussten uns weiter in den Bunker vortasten. Durch einen schmalen Gang gelangten wir in den Hauptraum und dort erwartete uns dann auch die eigentliche Fledermauskolonie. Oben auf dem Bild, mit dem Jungtier am Bauch der Mutter, sieht man schon einen kleinen Ausschnitt, aber tatsächlich schauten uns hier mehr als 200 Tiere von der Decke entgegen.

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Zwei Ausschnitte aus dem Hauptraum des Bunkers

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Auf den Bildern sieht man, dass einige Tiere immer einen bestimmten Abstand halten, während andere in Gruppen zusammen hängen. Das ist ein typisches Verhalten, das diese Fledermäuse zeigen, besonders bevor sie abends ausfliegen, oder aber wenn es besonders kalt wird. In diesem Fall war allerdings eher Ersteres der Fall. Warhscheinlich durch unsere Anwesenheit gestört, sind die meisten Tiere durch einen Hinterausgang in natürliche Felsspalten geflüchtet.

Eine Studentin schreibt ihre Arbeit unter anderem über diese Fledermausart und hatte auch extra ihr Feldlabor dabei. Also haben wir noch ein paar Fledermäuse ‚abgegriffen‘ denn schnell sind sie tatsächlich nicht gerade, und haben sie vermessen und Kotproben genommen. Interessant ist übrigens, dass mich dabei keine einzige Fledermaus versucht hat zu beißen. Obwohl wir es hier eigentlich mit richtigen Räubern zu tun haben, haben sie friedlich abgewartet, bis alles vorbei war und sind dann wieder zurück in den Bunker oder eine Felsspalte geflogen. Oder auch nicht! Ein Megaderma lyra Männchen nämlich hat sich nach der Prozedur direkt neben uns an einen Baumstamm gehängt und zugeschaut. Erst als wir aufbrachen, weil die Soldaten nun langsam unruhig wurden, wegen den Elefanten bei der Dunkelheit, ist dieses Tier zurück in den Bunker geflogen.

Auf dem Rückweg sind uns dann auch tatsächlich Elefanten begegnet. Wir haben angehalten, um sie nicht zu beunruhigen, und nach ein paar Minuten sind sie dann weitergezogen. Außer das einmal inmitten einer Kuh-Herde der Motor abgewürgt ist und wir alle zusammen anschieben mussten verlief die Rückfahrt ohne Zwischenfälle. Die Studentin aus Colombo war sehr glücklich, denn sie hat nun die ersten Proben für ihre Abschlussarbeit und ich habe mich auch gefreut, weil ich nun eine weitere Art in der Sri Lanka Fledermausruf-Datenbank habe. Außerdem ist Megaderma lyra schon eine erstaunliche Fledermaus und ich habe mich gefreut sie so von Nahem beobachten zu können.

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Das Megaderma lyra Männchen, das gar nicht mehr wegfliegen wollte.

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