Hochgeschwindigkeits-Fledermäuse in Sri Lanka

Liebe Leser von Nachtgeflatter,

leider habe ich es schon länger nicht geschafft einen Beitrag zu verfassen, weil sich mein Projekt inzwischen in der Endphase befindet und ich deswegen sehr viel unterwegs bin. Die gesamte letzte Woche habe ich nie länger als eine Nacht an einem Ort verbracht, um noch möglichst viele Orte mit bekannten Fledermauskolonien abzufahren und die Ortungslaute verschiedener Fledermausarten aufzunehmen. Das ist so auch nur möglich, weil das Crowdfunding über Sciencestarter erfolgreich war. Deswegen bin ich nämlich jetzt mit einem Mietwagen unterwegs, der mir diese Flexibilität überhaupt erst ermöglicht. Das ist gerade in dieser Phase sehr wertvoll.

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Leider gab es aber auch schon die ersten Probleme. Anfangs war es nur die Klimaanlage, die Tachobeleuchtung und (am schlimmsten hier in Sri Lanka) die Hupe, die nicht funktionierten. Dann fiel aber auch noch die Hebevorrichtung für das Fahrerfenster aus und das Gebläse machte auch schlapp. Spätestens hier entschied ich mich, als ich sowieso für einen Tag in Colombo war, der Vermietung einen Besuch abzustatten. Dort wurde belustigt festgestellt, dass eigentlich nur noch der Motor funktioinert und sonst fast alles ausgefallen wäre und ich bekam einen Ersatzwagen.

Damit ging es dann auch sofort weiter nach Kurunegala, einem Ort im nördlichen Hochland, nicht weit von Gammaduwa, einem meiner Untersuchungsgebiete. Dort hat Tharaka, der mir früher schon geholfen hatte, einen Freund, dem eine Kokosnuss-Plantage gehört. Auf dieser Plantage fanden die beiden vor ein paar Monaten eine Kolonie Saccolaimus saccolaimus in einer Palme, die ihr vielleicht von einem Foto aus meinem Beitrag über die verschiedenen Quartiertypen hier in Sri Lanka schon kennt.

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Quartierbaum von Saccolaimus saccolaimus. Nicht zu sehen: oberhalb des Fotos befindet sich noch ein Loch im Stamm und beide Löcher sind miteinander verbunden.

Das ist ein interessanter Fund, weil Saccolaimus saccolaimus, die zu den Grabflatterern (Emballonuridae) gehört, auch sehr hoch jagt und deshalb, nachdem sie einmal aus ihrem Quartier ausgeflogen ist, nur ganz schwer beim Jagen gefunden werden kann, ohne das man ihren Ultraschall-Laut kennt. Wir fuhren also zu dieser Plantage um solche Aufnahmen zu machen. Wir kamen leider erst im Dunkeln an, die Fledermäuse waren also schon ausgeflogen. Aber das ist nicht dramatisch, denn die meisten Fledermäuse jagen nicht die ganze Nacht hindurch, sondern legen regelmäßig Pausen ein, oder schlagen sich innerhalb kürzester Zeit dermaßen den Bauch voll, dass sie für den Rest der Nacht kaum noch jagen. Was bei unseren S. saccolaimus nun der Fall war ist schwer zu sagen, aber auf jeden Fall hatten wir, keine Stunde nachdem wir den Baum mit Netzen umringt hatten, zwei Individuen im Netz. Das ging schneller, als gedacht 🙂

Diese Fledermausart ist bekannt dafür sehr schnell und sehr hoch zu fliegen. Wie ihr auf dem Bild oben sehen könnt, sieht man ihnen ihren rasanten Lebensstil auch schon an. Und da sie damit in ihrem Jagdverhalten den von mir gesuchten Bulldoggfledermäusen ähneln, ähneln sich auch die Ultraschallrufe, denn die sind immer an die Beute und den Lebensraum angepasst.

Trotzdem ist S. saccolaimus aber viel größer. Sie haben einen extrem langen Zeigefinger, der auch ein Fingerglied mehr besitzt, als die meisten anderen Fledermäuse. Außerdem ist der fünfte Finger, der ja die Breite des Flügels bestimmt, extrem kurz. Dadurch bekommt sie lange, schmale und sehr spitze Flügel, wie ein Mauersegler.

Außerdem gibt es noch eine Besonderheit bei dieser Art, nämlich ihren Kehlsack. Der ist vermutlich für die Produktion riechender Sekrete, aber da muss ich selber auch nochmal meine Literatur wälzen, wenn ich wieder zu Hause bin. Ein Foto kann ich aber jetzt schon liefern:

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Kehlsack (gular sac) bei Saccolaimus saccolaimus

Außerdem sehr schön bei dieser Art, das Fleckenmuster auf dem Rücken. Der Bauch ist sehr hellbraun gefärbt. Der Rücken aber tiefbraun mit kleinen weißen Punkten. Der Schwanz tritt aus der Schwanzflughaut heraus, wie bei den Grabflatterern im Tempel. Bei Saccolaimus saccolaimus ist die Schwanzspitze zudem aber mit langen Tasthaaren gespickt. Wahrscheinlich als ‚Einparkhilfe‘ im Quartier, wenn sie sich rückwärts kletternd zwischen ihre Artgenossen und die Quartierwand manövrieren.

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Saccolaimus saccolaimus mit Tasthaaren am Schwanz und Fleckenmuster auf dem Rücken

Wie ihr auf diesem Bild sehen könnt waren die beiden Tiere auch sehr genügsam. Wir konnten die Hände öffnen und sie ausgiebbig von allen Seiten fotografieren und sie haben nicht mal Anstalten gemacht wegzufliegen. Als wir sie dann tatsächlich wieder entlassen wollten musste wir sie regelrecht dazu drängen, weil die beiden einfach sitzen geblieben sind. Letztendlich sind sie aber dann doch gestartet und wieder in die Nacht entschwunden. Die Lautaufnahmen muss ich  noch bearbeiten, wozu leider bisher keine Zeit war.

Wir sind dann nämlich direkt am nächsten Tag wieder aufgebrochen mit dem Ziel nach Namunukula zu fahren, um hier die letzten Hügel zu beproben, die ich noch für interessant hielt. Das scheiterte allerdings an der Wegeführung von Google-Maps. Das leitete uns nämlich geradewegs zwei Stunden lang auf immer schlechter werdende Straßen bis wir schließlich an einem Graben endeten, an dem die Straße zum überqueren noch nicht einmal fertig gebaut war. Wir mussten also umdrehen und ca zwei Stunden zurück fahren nach Kandy. Dort blieben wir für eine Nacht, resigniert darüber, dass wir in fünf Stunden Fahrt nur etwa 100km Strecke gemacht hatten. Am nächsten Tag aber brachen wir früh auf, fuhren brav den Straßenschildern folgend, und endeten gestern Nachmittag in Namunukula, von wo wir nun weiterfahren werden zu einer der größten Fledermaushöhlen Sri Lankas. Mal schauen ob wir sie finden 🙂

Vielen Dank für’s reinschauen und hoffentlich bis bald!
Tim

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