Im Dunkeln sehen …

… geht nicht. Augen funktionieren nun mal nur mit Licht und wenn kein Licht da ist können sie auch keine Informationen aufnehmen. Trotzdem ist es Fledermäusen möglich bei Nacht geschickt durch die Äste eines Waldes zu manövrieren. Manche machen das sogar im stockfinsteren Unterholz tropischer Regenwälder, während über ihnen 60 Meter hohe Bäume keinen einzigen Lichtstrahl auf den Boden fallen lassen. Dass sie für ihre Art der Orientierung Ultraschalltöne verwenden habe ich im letzten Beitrag schon erwähnt. Wie genau das funktioniert und vor allem, dass es manchmal auch Nachteile hat, ist Thema dieses Beitrags.

Martin Straube, ein guter Freund von mir, hat ein Buch über Fledermäuse geschrieben, das Ende Juli im Aula-Verlag erscheint. Darin gibt es nicht nur eine sehr gute Beschreibung davon, wie Fledermäuse sich mit Ultraschalltönen durch die Nacht tasten, sondern auch einen sehr unterhaltsamen Bericht über eine lustige Erfahrung während eines Indienaufenthalts mit einer kleinen Hufeisennase. Diese Geschichte, und die Beschreibung von Echoortung danach, gefallen mir sehr, weil sie das Thema auf unterhaltsame Art erklären. Martin hat mir freundlicherweise gestattet sie hier schon vor Veröffentlichung seines Buches ‚abzudrucken‘.  Deswegen gibt es heute also exklusiv auf Nachtgeflatter eine Leseprobe von „Falsche Vampire, fliegende Hunde: Die geheimnisvolle Welt der Fledermäuse“:


Der Stunt der Fledermaus

Wenig später saßen wir alle um einen großen Tisch, aßen Reis und Curry sowie köstliche Früchte, tranken Mineralwasser mit einem ordentlichen Schuss Whisky und plauderten über alles Mögliche. Der Mann im Muskelshirt berichtete stolz, dass er als Stuntman in Bollywood arbeite und zählte die Titel berühmter Filme auf, in denen er mitgewirkt habe. Wir waren beeindruckt, auch wenn uns keiner der Titel etwas sagte.

Frosch
Nachts veranstalten kleine Frösche ein fast ohrenbetäubendes Konzert.

Angeheitert beschloss der Stuntman bald, dass er uns nun einige landschaftliche Schönheiten des Tigerschutzgebiets zeigen wolle. Das es mittlerweile stockdunkel war, war kein Problem, schließlich gab es Taschenlampen. Wir stimmten gerne zu. So zogen wir also los und folgten einem Pfad in den Wald. Unter den Stimmen der Zikaden war es dort jetzt lauter als am Tag. Bald erreichten wir einen Bach, an dessen Ufer viele kleine Frösche saßen, die trotz ihrer geringen Größe den Zikaden in der Lautstärke kaum nachstanden. Ein Stück weiter den Hang hinauf schlängelte sich der Bach durch eine Art kleiner Höhle aus überhängenden Felsen. Als ich in dieser Höhle stand, entdeckte ich am Boden einige schwarze längsovale Bröckchen. Offensichtlich frischer Kot einer Fledermaus. Aber von welcher Art stammte er wohl? Ob das Tier hier vielleicht tagsüber sogar schlief? Die Antwort erhielt ich umgehend. Ich spürte einen kurzen Schlag gegen meine Brust und eine Fledermaus purzelte zu Boden. Auf ihrem Flug durch die Höhle war sie mit mir kollidiert und zeterte nun heftig über ihr Missgeschick, als ich sie aufhob. Offenbar flog sie dort öfters, aber sonst stand da nie ein Tourist.

Indien Bach
Ein Bach durchfließt eine kleine Höhle im Schutzgebiet.

Hufi

Das Fell des Tieres war orangebraun, lang und flauschig, die großen, elegant geschwungenen Ohren endeten in einer ganz leicht nach hinten zeigenden Spitze, ihre Augen waren nicht viel mehr als schwarzglänzende Punkte. Das Gesicht der Fledermaus aber konnte schon fast als bizarr bezeichnet werden: Auf der Stirn erhob sich eine große dreieckige Hautfalte mit mehreren Einbuchtungen, darunter zwischen den Nasenlöchern gab es eine weitere Erhebung mit zwei stumpfen Fortsätzen und um die Nasenlöcher herum wölbten sich zu beiden Seiten halbrund flache Hautlappen in Form eines Hufeisens. Dieser eigenartige Gesichtsschmuck hat der ungewöhnlichen Fledermaus ihren Namen gegeben: ich hielt eine Hufeisennase (Rhinolophus rouxi) in der Hand!

hufeisennase ganz

hufeisennase portraitDie Familie der Hufeisennasen bewohnt mit fast 80 Arten Afrika, Asien und Australien. Auch in Europa kommen fünf Arten vor, die Große Hufeisennase (Rhinolophus ferrumequinum) und die Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros) in Mitteleuropa auch nördlich der Alpen. Sie zählen dort zu den seltensten und am stärksten gefährdeten Fledermausarten.

Der Flug der „Hufis“ ist langsam und gaukelnd, sie sind wahre Flugkünstler, die auf engstem Raum extrem wendig sind. Das hilft, wenn sie in dichter Vegetation nach Insekten suchen.

Neben Flugakrobaten sind Hufeisennasen auch beeindruckende Meister der Echoortung. Ihr Ortungssystem gilt als feiner und leistungsfähiger als das der meisten anderen Fledermausarten.

Doch wie passen Eigenschaften wie Meister der Echoortung und des Kunstflugs mit der Kollision in der indischen Höhle zusammen?

Fliegen aus dem Gedächtnis

Echoortung ist im Unterschied zur von uns betriebenen optischen Orientierung ein aktives Ortungssystem. Das heißt, es funktioniert nur, wenn die Fledermaus etwas dazu leistet: sie muss rufen. Das ist auf Dauer anstrengend und kostet viel Energie. Wer beim Joggen versucht, sich mit seinem Nachbarn zu unterhalten, kann das nachvollziehen. Deshalb orten viele Fledermäuse nur gelegentlich oder auch gar nicht, wenn sie auf ihnen bekannten Flugstrecken unterwegs sind. Sie fliegen dann praktisch blind aus dem Gedächtnis. Und wenn dann dort, wo sonst nichts ist, plötzlich ein Hindernis auftaucht, kann es zur Kollision kommen. Auch wir achten oft nicht auf Wege, die wir gewohnheitsmäßig immer wieder gehen, sondern sind mit den Gedanken woanders. Der indischen Hufeisennase ist es wohl ganz ähnlich ergangen.

[…]

Sie hatte sich beim unbeabsichtigten Zusammenprall aber nicht verletzt. Nachdem wir uns an ihr satt gesehen hatten, öffnete ich die Hand und sie flog eilig in die Dunkelheit der Nacht. Und auch wir beendeten bald darauf unsere nächtliche Waldexkursion und kehrten zu unserem Nachtquartier zurück.“


Ultraschall-Echoorientierung hat also auch ihre Nachteile. Das ist mir bei Fledermaus-Nachtsafaris im Zoo Krefeld auch schon öfters aufgefallen. Wenn man ganz still durch das Regenwaldhaus geht, kriegt man so manche Fledermauskopfnuss verpasst, weil die kleinen Blumenfledermäuse dort einfach nicht damit rechnen, dass plötzlich mal jemand den Luftraum über dem Weg blockieren könnte. Es ist halt, wie oben gesagt, ein aktives Orientierungssystem, das der konstanten Aufmerksamkeit bedarf.

Wer jetzt Lust auf mehr hat und gerne lesen möchte, wie denn nun Ultraschall-Echoorientierung funktioniert, der kann einfach auf Weiterlesen klicken. Dadurch öffnet sich dann ein weiterer kurzer Teil aus Martins Buch, der sich mit diesem Thema befasst.

„Wie man in den Wald ruft…

Ein Echo ist uns vertraut. Unser Ruf wird in den Bergen von der gegenüberliegenden Felswand zurückgeworfen. Genau dasselbe Prinzip wenden Fledermäuse an. Der Unterschied ist nur, dass sie den zurückkehrenden Echos ihrer eigenen Ultraschalllaute viel feinere Informationen entnehmen. Und je höher frequent ein Laut ist, umso feiner ist die Information, die für Fledermäuse im Echo steckt.

Echoortung
Diese Fransenfledermaus (Myotis nattereri) findet zielsicher ihre Beute in der Dunkelheit der Nacht. Dazu ruft sie und orientiert sich dann an den von Hindernissen oder Insekten zurückkommenden Echos. Foto: Dietmar Nill

Aber Ultraschall-Laute werden in der Luft auch schnell schwächer. Je höher sie sind, umso weniger weit reichen sie. Deshalb benutzen Arten, die dicht an der Vegetation jagen, höhere Ortungslaute als solche, die viel schneller fliegend im freien Luftraum unterwegs sind. Die grundsätzlichen Eigenschaften der Laute machen alle Fledermäuse jedoch mehr oder weniger „kurzsichtig“. Manche Arten nehmen lediglich den unmittelbar vor ihnen liegenden Raum mit ihrer Echoortung wahr, die meisten nur wenige Meter. Und die Ortung ist nach vorne gerichtet. Was hinter der fliegenden Fledermaus ist, bekommt sie nur eingeschränkt mit. Das ist sicherlich ein entscheidender Grund, warum Fledermäuse nur im Schutz der Dunkelheit unterwegs sind. Tagsüber hätten sie einem jagenden Greifvogel kaum etwas entgegen zu setzen.

Sich mittels der Ohren zu orientieren, ist schwer vorstellbar, aber ganz ansatzweise können wir es auch. Wenn wir durch einen Park entlang einer Baumallee gehen und der Lärm einer nahen Straße zu uns herüber dringt, dann klingt er anders, je nachdem, ob gerade ein Baum zwischen uns und der Straße ist, oder nicht. Wenn wir die Augen schließen und weiter laufen, können wir sagen, wann wir an einem Baum vorbeigehen. Und die Echos unserer eigenen Schritte klingen anders, je nachdem, ob wir durch eine große Halle oder durch einen schmalen Flur gehen. So etwa funktioniert das Ortungssystem der Fledermäuse, nur sind sie unglaublich viel besser als wir darin. Fransenfledermäuse (Myotis nattereri) zum Beispiel können anhand ihrer Ortungslaute im Gras einer Wiese Spinnen in ihren Netzen entdecken. So detailliert sind die Informationen, die sie den Echos entnehmen.

Unterschiedliche Systeme

Unterschiedliche Fledermausfamilien benutzen durchaus verschiedene Ortungssysteme.

Glattnasenfledermäuse (Vespertilionidae) orten ihre Beutetiere vereinfacht dargestellt so: Sie rufen durch das geöffnete Maul extrem kurze Laute, die gleichzeitig eine breite Palette von Tonhöhen (Frequenzen) abdecken. Das ist kein reiner Ton, sondern ein Knall. Aus der Zeitdifferenz zwischen dem Aussenden des Rufs und dem zurückkehrenden Echo ermittelt die Fledermaus die Entfernung zum Objekt. Der winzige Zeitunterschied, mit dem das Echo ihr rechtes und ihr linkes Ohr erreicht, sagt ihr, aus welcher Richtung das Echo kommt. Eine Glattnase ruft also, dann lauscht sie, ruft wieder, lauscht, ruft, lauscht und so weiter. Je näher sie dem Objekt kommt, umso kürzer ist der Zeitunterschied zwischen Laut und Echo. Dementsprechend ruft die Fledermaus immer schneller. Das ganze geschieht im rasanten Flug. Durchaus eine beeindruckende Leistung.

Abendsegler
Ein großer Abendsegler (Nyctalus noctula) – gehört zu den Glattnasenfledermäusen

Fledermausfamilien, deren Mitglieder durch häutige Gebilde im Gesicht geschmückt sind, stoßen ihre Ortungslaute nicht durchs Maul, sondern durch die Nasenlöcher aus. Die blattartigen Gebilde um die Nase bündeln, verstärken und modifizieren gleichzeitig ihren Ruf.

Die Ortungslaute der Hufeisennasen (Rhinolophidae) klingen ganz anders als die der Glattnasen. Sie rufen einen wesentlich längeren, reinen Ton, der in einem kurzen Knall endet. Der Knall hat dieselbe Funktion wie der Laut einer Glattnase. Der reine Ton aber ist quasi ein Detektor für fliegende Insekten. Wenn der Laut auf den schlagenden Flügel eines Nachfalters trifft, wird das Echo dann am besten zur Fledermaus zurückkommen, wenn der Flügel gerade senkrecht zu ihr steht. Das funktioniert wie ein sich drehender Spiegel, den wir mit einer Taschenlampe anleuchten. Immer wenn der Spiegel senkrecht zu uns steht, blinkt er auf, dazwischen ist er kaum zu sehen. Dieses akustische „Aufblinken“ zeigt der Hufeisennase hervorragend an, wo ein Insekt fliegt. Da die Flügelschlagfrequenz unterschiedlich bei verschiedenen Insekten ist, kann sie sogar erkennen, um welches Beutetier es sich handelt.

Rinoloph
Eine Hufeisennase, hier: Rhinolophus rouxi
[…]

Ich muss gestehen: auch wenn ich mir die Theorie der Echoortung klar zu machen versuche, wirklich vorstellen kann ich mir nicht, wie eine Fledermaus ihre Welt mit den Ohren erlebt. Wir sind eben im Unterschied zu ihnen ganz auf das Sehen ausgerichtet.

Neben ihren Ortungslauten benutzen Fledermäuse auch „normale“ Laute, mit denen sie untereinander kommunizieren, drohen, balzen usw. Diese Soziallaute liegen im wahrnehmbaren Bereich. Sie sind für unsere Ohren also als Zirpen, Zetern, Quietschen und Zwitschern durchaus hörbar.“


Du hast tatsächlich alles durchgelesen! Wem diese beiden Texte gefallen haben, dem kann ich Martins Buch wärmstens empfehlen! Es informiert auf unterhaltsame Art und Weise über die wichtigsten Aspekte der Fledermausbiologie und ist zudem gespickt mit interessanten und lehrreichen Erfahrungsberichten. Ihr findet es zum Beispiel HIER zum vorbestellen, um im Juli direkt zu den ersten Lesern zu gehören! Oder aber ihr schaut auf Sciencestarter vorbei und unterstützt dieses Projekt. Dafür gibt es bei einem bestimmten Betrag auch Martins Buch als Dankeschön (Inzwischen ist das Sponsoring über Sciencestarter beendet *2016).

Vor allem aber war das eine schöne Einführung in das Prinzip der Echoortung und genau daran arbeite ich ja hier in Sri Lanka! Meine Aufgabe ist es die Echoortungslaute der Fledermäuse hier aufzunehmen und hinterher durchzusehen, um zu gucken, ob die beiden gesuchten Arten dabei sind. Ein paar vielversprechende Aufnahmen habe ich ja schon. Jetzt heißt es dran bleiben und versuchen herauszufinden, ob sies auch wirklich sind!

Viele Grüße aus Sri Lanka,
Tim

Bilder und Texte, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus „Falsche Vampire & fliegende Hunde“ von Martin Straube 2016, Aula-Verlag

3 Gedanken zu „Im Dunkeln sehen …

  • Juni 5, 2015 um 7:35 pm
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    toller Beitrag 🙂 Hufeisennasen sind meine absoluten Lieblinge unter den Fledermäusen – ich freue mich immer, etwas über sie zu lesen.

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    • Juni 6, 2015 um 9:34 am
      Permalink

      Ja, Hufeisennasen haben schon ihren Charme. Haben sie denn zufällig auch den Beitrag über die kleine Rundblattnase am Tempel gelesen? Rundblattnasen (Hipposideros) sind zwar keine Hufeisennasen, aber sie haben viele Gemeinsamkeiten. Bei uns in Deutschland gibt es sie zwar nicht, aber unsere kleine Hufeisennase teilt sich mit den Rundblattnasen sogar den Namen: Rhinolophus hipposideros.

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  • Pingback: Buchtipp: Falsche Vampire & Fliegende Hunde - Nachtgeflatter

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